«Gute Soziale Arbeit hilft, Probleme strukturell zu lösen»

  • 11. März 2013
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Was kann die Sozialpolitik der Sozialen Arbeit bieten? Mit dieser Frage gelangte AvenirSocial an Nationalrätin Bea Heim. Die SP-Politikerin drehte in ihrem Referat den Spiess um und fragte zurück: Von welchen strukturellen Defiziten könnt ihr mir berichten? Ein Aufruf zum machtkritischen Handeln in der Sozialen Arbeit.

SozialAktuell: Welche politischen Rahmenbedingungen braucht die Soziale Arbeit, um ihre Aufgaben gut bewältigen zu können?
Bea Heim: Das fragt ihr mich? Das ist doch genau die Frage, die ich euch stellen möchte! Die Soziale Arbeit müsste der Politik aufzeigen, welche strukturellen Defizite dringend anzupacken sind und wie die Behörden sie in ihrer Arbeit unterstützen sollten. An der Politik ist es dann, die Gesetze entsprechend zu verbessern, für gute Rahmenbedingungen zu sorgen und auch für das nötige Geld. Der Input der Sozialen Arbeit ist für meine politische Arbeit wichtig, weil sie vielfältigen Einblick in die sozialen Alltagsrealitäten hat und da über einen grossen Wissensschatz verfügt. Als SP-Vertreterin bin ich an der Sozialen Arbeit enorm interessiert, weil ich sehe, wie wertvoll sie ist – in der Schule, in der Wirtschaft, im öffentlichen Raum, in der Polizei, in der Altersarbeit, im Kinderschutz, für die Familien, für die schwierigen Umbrüche im Leben. Wie die soziale Benachteiligung sich zeigt – in welchem Masse, aufgrund von welchen Lebensereignissen, welchen Rahmenbedingungen und politischen Entscheiden –, weiss wohl niemand besser als die Soziale Arbeit, die mit und für die Betroffenen arbeitet.

Wo ist die Soziale Arbeit derzeit politisch besonders gefragt?
Sie ist bei allen sozialpolitischen Diskussionen gefragt. Ich wünsche mir oft, die Wandelhalle wäre nicht gefüllt mit Lobbyisten der Landwirtschaft, der Pharmabranche, der Versicherungswirtschaft usw., sondern mit Leuten wie euch, die uns Politikerinnen und Politikern die Augen für das menschlich wirklich Wichtige öffnen könnten. Ich denke da zum Beispiel ans Thema Suizidprävention, mit dem sich die Politik nach wie vor schwer tut. Zwar zeigt sich das Parlament immer wieder erschreckt über die hohe Suizidrate unter Jugendlichen und die noch höhere Zahl an Suiziden bei Männern über 65. Der Schreck dauert jedoch jeweils nur so lange, als damit mediale Präsenz zu erreichen ist. Danach wird er wieder verdrängt. So hatte das Präventionsgesetz, das unter anderem die rechtlichen Grundlagen für eine umfassende Suizidprävention gelegt hätte, auch aus finanziellen Interessen gewisser Kreise im Parlament keine Chance.

Was heisst für Sie als Nationalrätin qualitativ gute Soziale Arbeit?
Die Qualität der Sozialen Arbeit misst sich daran, wie gut es ihr gelingt, soziale Probleme zu lösen. Dazu gehört vorgängig stets eine Problemanalyse, auch sie gehört zu einer qualitativ guten Sozialen Arbeit. Als linke Politikerin erwarte ich eine kritische Soziale Arbeit, die wissenschaftlich basiert hilft, soziale Probleme auch strukturell zu lösen. Soziale Arbeit ist dann für meine politische Arbeit relevant, wenn sie gängige Sichtweisen kritisch analysiert. Das tut Not, denn in der reichen Schweiz lebt fast jede zehnte Person unter der Armutsgrenze. Der grosse Reichtum, die exorbitanten Managerlöhne und die Boniwirtschaft sorgen für Ohnmachtsgefühle, die sich bei manchen in Empörung niederschlagen. Diese Empörung halte ich für sehr brisant, denn sie erhöht die Gefahr, dass die Menschen Halt bei autoritären Kräften suchen, die eine rigide Ordnung anstreben.

Ihr Schlusswort an die Adresse der Sozialen Arbeit?
Soziale Arbeit ist eine Wissenschaft und Profession, die sich für soziale Gerechtigkeit engagiert. Um das zu erreichen, muss sie sich intensiv und wissenschaftlich vertieft mit Fragen von Verteilung und Macht auseinandersetzen. Eine machtkritische Soziale Arbeit agiert selbstbewusst und orientiert sich an einer sozialen Gerechtigkeit, die Zukunft für alle schafft.

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