Drakonische Strafen und schwarze Listen?

  • 15. Februar 2011
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Die Schweiz ist geschockt. Jahrzehntelang missbrauchte ein Betreuer mindestens 114 behinderte Kinder. Er nutzte ihre Wehrlosigkeit, ihre Abhängigkeit und missbrauchte ihr Vertrauen, um das er zuvor mit Zuwendungen aller Art gezielt gebuhlt hatte. Wenn Menschen auf Hilfe anderer angewiesen sind, ist die Gefahr gross, dass schwache Persönlichkeiten in Versuchung kommen, diese Abhängigkeit schamlos auszunutzen.

Nur allzu bekannt sind Phänomene wie Gewalt im Heimalltag, in der Betreuung und Pflege von Menschen, ganz gleich welchen Alters sie sind, über welche geistige Wahrnehmungsfähigkeit sie verfügen oder in welchen physischen und psychischen Gesundheitszustandes sie sich befinden.

Wie konnte dieser Missbrauch möglich sein? Und wie konnte solch ein Missbrauch über Jahrzehnte von der gleichen Person in verschiedenen Heimen stattfinden, ohne dass irgendjemand etwas davon gemerkt oder auch nur geahnt haben soll? Das wundert und bewegt mich am meisten.

Behinderte Kinder sind besonders verletzlich und auf ganz sorgfältige Betreuung angewiesen. Diese muss mit Vorsicht und spezieller Aufmerksamkeit organisiert und begleitet sein. Und doch gelingt es einem Mann, der sich weder als teamfähig noch als kooperativ erwies und seine Emotionen nicht unter Kontrolle hatte, sich über Jahrzehnte hinweg an Kindern zu vergehen.

Das macht mich betroffen und ich möchte in Erfahrung bringen, wie solche Tragödien verhindert werden können. Mit drakonischen Strafen? Wohl kaum. Erstens wirken sie nur, wenn die Gefahr besteht, dass der Missbrauch entdeckt wird. Zweitens können Strafen triebhafte Verirrungen kaum vermeiden. Mit schwarzen Listen, auf denen Personen erfasst sind, die pädophile Straftaten begangen haben? Das mag als zweite Massnahme in Erwägung gezogen werden, wenn die schrecklichen Taten begangen und aufgedeckt sind. Aber nebst grundsätzlichen Bedenken, meine ich, greift auch das zu kurz und hätte im Fall S. nichts verhindert.

Es ist bekannt und wird von Heimleitungen bestätigt, dass sie sich des Risikos von Übergriffen bewusst sind, so suchen Pädophile Berufe und Tätigkeiten, bei welchen sie mit Kindern und Schutzbefohlenen zu tun haben.

Heime und Pflegeinstitutionen brauchen also eine Risikostrategie, die diesen Gefahren Rechnung trägt. Dazu gehört genügen und genügend qualifiziertes Personal. Pflegende und Betreuende brauchen regelmässig Gesprächsrunden, um über ihre Belastung und die Probleme, aber auch über die Bedürfnisse und Verhaltensänderungen der ihnen anvertrauten Menschen zu sprechen. Es braucht eine offene Fehlerkultur, die zulässt, eigenes und eigenes drohendes Fehlverhalten zu benennen. Wenn jemand wie S. seine Emotionen nicht mehr unter Kontrolle haben kann, sind das Indizien, ihn nicht weiter in der Betreuung von Schutzbefohlenen arbeiten zu lassen. Warum fand er nach seiner ersten Entlassung wieder eine Stelle in einem ähnlichen Berufsfeld? Holte der neue Arbeitgeber zu wenige Referenzen ein? Es muss zur Pflicht werden, bei Anstellungen von Betreuenden mündliche Referenzen bei den vorherigen Arbeitgebenden einzuholen. Wenn der letzte Arbeitgeber nicht auf der Referenzliste erscheint, ist das schon Grund genug, bei einer Anstellung genauer hinzusehen.

Dieser Fall muss uns allen die Augen öffnen: Die Betreuung sei es älterer oder behinderter Menschen, insbesondere behinderter Kinder ist eine äusserst anspruchsvolle Aufgabe. Eine Aufgabe, die Hingabe, Verständnis und pädagogisches Geschick, aber gleichzeitig auch eine respektvolle Distanz verlangt. Deshalb muss es zur Pflicht werden, Stimmungs- und Verhaltensänderungen der Betreuten in einer Pflegedokumentation zu erfassen. So kann das Pflegeteam auf frühe Anzeichen, die auf einen möglichen Missbrauch hindeuten, aufmerksam werden und entsprechend rasch reagieren.

Die personelle Präsenz muss überall dort verstärkt werden, wo Abhängigkeiten bestehen, in Spitälern, Heimen und ähnlichen Institutionen. Betreuungs- und Pflegepersonal sollten speziell bei Nachtwachen, nicht alleine gelassen werden. Das bedeutet zwar höhere Kosten und damit steht einmal mehr das Finanzielle im Mittelpunkt. Darüber gibt es in diesem Fall nichts zu diskutieren. Die Unversehrtheit von Menschen, die Pflege, besondere Zuwendung und Betreuung benötigen, muss uns das wert sein.

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